© Foto: PMSG

Auf den Pfaden der verschwundenen Grenze in Potsdam – Ein Herbstspaziergang

Veröffentlicht am 5. November 2019 | Claudia Kumke

Es ist Anfang November, der Monat mit den vielen Erinnerungs- und Gedenktagen. Eine Zeit für traurige, aber auch glückliche Momente. An diesem wunderschönen Herbsttag machen meine Freundin Birgit und ich einen Spaziergang auf den Spuren eines Teilbereichs der Berlin-Potsdamer Grenzanlagen: Vom Jungfernsee entlang in den Neuen Garten. Inmitten des heutigen UNESCO Welterbes gibt es seit kurzem einen Geschichtspfad mit Informationen über die Zeit der Teilung.

Der Spaziergang startet an der Glienicker Brücke

Startpunkt ist an der berühmten Glienicker Brücke, einem meiner Lieblingsorte in Potsdam. Einst war sie die historische Verbindung ins königliche Jagdrevier und später wichtige Verbindung zwischen Berlin und Potsdam. In der Zeit des Kalten Krieges diente sie als Kulisse für Agentenaustausch, genau in ihrer Mitte verlief von 1952-1990 die Grenze zwischen Ost- und West. Nach dem Fall der Mauer schließlich wurde sie zum Symbol der Einheit.

Die Glienicker Brücke im Herbst

Die Glienicker Brücke im Herbst

In diesem Jahr erinnern wir uns an dieses historische Ereignis zum 30. Mal. Für meine Freundin Birgit und mich ist dies ein besonderer Erinnerungsmoment: Fast genauso lange besteht unsere Freundschaft, die ohne den Fall der Mauer nicht möglich geworden wäre, denn wir beide sind auf verschiedenen Seiten der Mauer aufgewachsen und wollen uns heute gemeinsam an diese Zeit erinnern.

Stele zur Berliner Mauer an der Villa Schöningen

Stele zur Berliner Mauer an der Villa Schöningen

Eine Stele erinnert an die ehemalige Grenze

Am Rand der Berliner Vorstadt, einer schönen Villengegend fällt es uns zunächst schwer vorzustellen, dass genau hier die Grenze zwischen der DDR und Berlin (West) verlief. Wir nähern uns einer Informationsstele, die genau diese Zeit dokumentiert und erklärt. Wir erfahren, dass Potsdamer Zeithistoriker in Zusammenarbeit mit dem Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze e.V.“ einen Informationspfad zur Berliner Mauer erstellt haben. Es gibt insgesamt acht Informationsstelen die den Aufbau der Sperranlagen und den Alltag im Grenzgebiet thematisieren. Der Erinnerungspfad reicht von der Glienicker Brücke bis hinauf zur Bertinistraße, wo sich zwischen 1965 und 1990 ein zentraler Grenzübergang für den Schiffsverkehr zwischen Ost und West befand. Diese Gegend war eine der wichtigsten Wasserpassagen zwischen West- und Ostdeutschland und dementsprechend streng bewacht. Einen Teil dieser Stelen werden wir uns ansehen und spazieren entlang der Parkanlagen der Schwanenallee. Die Schönheit und Harmonie von Landschaft und Gebäuden erschließt sich uns eindringlich: Links von uns liegt die klassizistische Villa Schöningen und rechts führt uns der Blick über das Wasser der Havel auf die andere Seite zum Sacrower Park mit der Heilandskirche.

Der Grenzwachturm im Garten der Villa Schöningen

Der Grenzwachturm im Garten der Villa Schöningen

Vor dem Eingangsbereich der Villa Schöningen steht ein Teilstück der Berliner Mauer und macht uns darauf aufmerksam, dass in der Villa eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und der Glienicker Brücke gezeigt wird. Die Stele steht an der Parkmauer der Villa Schöningen und informiert über die ehemaligen Grenzanlagen. Ein ehemaliger Wachturm befindet sich im Garten.

Tor zur Matrosenstation Kongsnaes

Tor zur Matrosenstation Kongsnaes

Die Matrosenstation Kongsnaes ist neu eröffnet

Wir spazieren weiter in Richtung Neuer Garten und sehen ein riesiges mit nordischen Schnitzereien verziertes Holztor mit der Inschrift „Kongsnaes“. Im letzten Sommer hatte ich über den Wiederaufbau der Matrosenstation Kongsnaes in einem Blogbeitrag berichtet. In diesem Sommer war es endlich soweit: In der historischen Ventehalle hat ein Restaurant mit Bar eröffnet. Wir sind neugierig und werfen ein Blick auf die Speisekarte: Das Angebot  ist klein und fein. Beeindruckend und sehr geschmackvoll ist die Ausgestaltung des Innenraums in dunklem Holz mit Schnitzereien und mächtigen Balken bis unter die hohe Decke. Der Hallencharakter des historischen Originals blieb dadurch erhalten. Für die Küche wurde ein modernes Nebengebäude errichtet. Im Durchgang zwischen Anbau und Ventehalle steht in einer Wandnische eine Büste aus weißem Marmor: Das Antlitz kommt uns bekannt vor: Es ist Kaiser Wilhelm II., der die Matrosenstation in Auftrag gegeben hatte, die damals ihm und der kaiserlichen Familie vor allem als Start- und Landepunkt für Vergnügungs- und Repräsentationsfahrten diente.

Wir gehen weiter in die Parkanlage des Neuen Gartens. Jedes Mal, wenn ich in einen der drei Schlösser-Parkanlagen Potsdams betrete, bin ich beeindruckt und dankbar über diesen großen Schatz, den diese Kulturlandschaften für den Erholungssuchenden bieten. Viele Menschen nutzen dieses Angebot und respektieren die Parkordnung. Doch wird auch an diesem Welterbe Ort immer mehr sichtbar, wie fragil das Ökosystem ist und wie hoch unsere Verantwortung für den Erhalt.

Stele "Zerstörte Parkanlagen" im Neuen Garten

Stele “Zerstörte Parkanlagen” im Neuen Garten

Von Friedrich Wilhelm II., Neffe und Thronfolger von Friedrich dem Großen zwischen 1787 – 1792 für sich angelegt, steht der Neue Garten heute allen Einwohnern und Gästen der Stadt offen. Direkt am Heiligen See ließ er sein Sommerrefugium – das Marmorpalais – im klassizistischen Stil errichten. Viele Bäume haben ihr Laub verloren und geben Ausblicke frei, die wir im Sommer nicht hatten: An der Spitze des Neuen Gartens kommt ein mit einem Reetdach bedeckter Pavillon aus Holz ohne Fenster in unser Blickfeld: Es ist die Einsiedelei, auch Eremitage genannt. König Friedrich Wilhelm II (1744-1797) war Mitglied des Rosenkreuzer Ordens und hat diesen Bau errichtet, um hier innere Einkehr zu finden. Nach Kriegsende wurde im Zuge des Ausbaus der Grenzanlage das Gebäude abgerissen und dank Spenden ab 2007 wieder neu aufgebaut. Eine Stele des Geschichtspfades widmet sich dem Thema „Zerstörte Parkanlagen“.

Schloss Cecilienhof durch die Bäume gesehen

Schloss Cecilienhof

Schloss Cecilienhof – Schauplatz einer neuen Ausstellung

Schon bald kommt das im Englischen Landhausstil erbaute Schloss Cecilienhof in Sicht. Im Sommer 1945 war Schloss Cecilienhof Schauplatz der Potsdamer Konferenz, zu der sich wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Staats- und Regierungschefs der Siegermächte – Churchill und Attlee, Truman und Stalin – trafen. Diese Konferenz gilt weltweit als Symbol für den Endpunkt des Zweiten Weltkrieges, aber auch für den Ausbruch des Kalten Krieges. Das „Potsdamer Abkommen“ legte den Grundstein für eine Neuordnung der Welt nach 1945. Im Schloss habe ich den historischen Konferenzraum sowie die Arbeitszimmern der Delegationsleiter besichtigt und bin schon sehr gespannt auf die neue multimediale Ausstellung, die im Moment hier vorbereitet wird. Denn im nächsten Jahr wird anlässlich des 75. Jahrestags der Potsdamer Konferenz mit einer Sonderausstellung an dieses Ereignis erinnert.

Hier endet unser Spaziergang für heute. Wir sind voller Eindrücke und brauchen jetzt Zeit für einen gemütlichen Ausklang, um uns über unsere Eindrücke auszutauschen. Wir sind neugierig geworden und  nehmen uns vor diesen Spaziergang bald fortzusetzen: Von der Meierei bis zum Schiffsgrenzübergang Nedlitz.

Glienicker Brücke – Die Verbindung nach Berlin

Die Glienicker Brücke liegt an einem der schönsten Orte in Potsdam. Die Aussicht von der Glienicker Brücke ist einmalig. Von hier geht der Blick zum Schloss Babelsberg, der Heilandskirche von…

Villa Schöningen

Die Villa Schöningen liegt an der Glienicker Brücke und somit an der Nahtstelle zwischen Berlin und Potsdam, zwischen Ost und West. Dort wurden zur Zeit des Kalten Krieges, vor den Augen der…

Kaiserliche Matrosenstation Kongsnaes

Die Matrosenstation Kongsnæs unweit der Glienicker Brücke ist eine ehemalige Anlegestation für die Wasserfahrzeuge des preußischen Königshauses, die für Lustfahrten auf der Havel genutzt wurden.…

Schloss Cecilienhof im Neuen Garten

Churchill, Truman und Stalin haben im Schloss Cecilienhof Weltgeschichte geschrieben. In den ehrwürdigen Hallen des Schlosses Cecilienhof trafen sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs im…