© Foto: PMSG Uschi Baese-Gerdes

Kunst am Griebnitzsee

Veröffentlicht am 16. Juli 2019 | Nadine Redlich

Am 06. Juni 2019 war für mich ein ganz besonderer Abend, weil ich zur Vernissage „Grenzenlos, was verbindet: Abend der Künste“ in ein Babelsberger Architekturbüro am Griebnitzsee eingeladen war. Die Veranstaltung war eine gelungene Mischung aus einer Ausstellung von Skulptur, Malerei und Fotografie der Biennale-Künstlerin Oksana Mas und der Buchvorstellung und Lesung aus „Die verwirrte Bevölkerung“ des Autors Leonard Loeper. Das musikalische Rahmenprogramm gestalteten 20 Musiker*innen des Sinfonieorchesters collegium musicum unter der Leitung von Knut Andreas.

Holzeier ergeben GesamtbildOksana Mas Werke waren bereits in Mailand, London, Madrid, Paris, Zürich, Dubai, Shanghai, Moskau, Wien, Antwerpen, Figuerres, Venedig, New York, Barcelona zu sehen und können jetzt auch in Potsdam bestaunt werden. Aus einem nüchternen Bürogebäude wurde durch die Exponate eine Galerie, die bei der Vernissage geladene Gäste beeindruckte. Für Potsdamer*innen und Gäste der Stadt gibt es am 28.08. und 04.09. von 14-18 Uhr zwei Tage der offenen Tür.

Schon jetzt lohnt sich ein Ausflug, denn am frei zugänglichen Uferweg, den man nur über die Stubenrauchstraße an der Mauergedenkstätte vorbeiführt, können zwei Kunstobjekte bestaunt werden.

Ein Ort für Kunst – mit viel Geschichte

Seit 2013 befinden sich hier die “Ikonen der Freiheit” des Mauerkünstlers Kiddy Citny. Diese macht sehr deutlich, was Geschichte ausmacht. Bis 1989 lag das Grundstück der Stubenrauchstraße 10 im sogenannten Grenzgebiet. Ein ausgefeiltes Grenzsicherungssystem teilte hier Deutschland, Europa und die Welt. Hier bestand Gefahr für Leib und Leben, auch weil die Grenzer verpflichtet waren, jeden Versuch eines Grenzübertritts mit Waffengewalt zu vereiteln. Der ursprünglich vorhandene Postenweg, der entlang des ganzen Griebnitzsees führte, ist heute leider nur noch in Teilbereichen zugänglich

Kunstwerke am Ufer des Griebnitzsee

Kunst am Griebnitzsee

Kiddy Citny ist 1957 in Stuttgart geboren und in Bremen aufgewachsen. 1977 zog er nach West-Berlin. Von 1984 bis 1989 malte Kiddy Citny Bilder in Form von Herzen und Königen auf die Westseite der Berliner Mauer. Es war seine Art, den Wunsch nach Vereinigung der geteilten Stadt und die Sehnsucht nach Freiheit des Individuums auszudrücken. Die 3,60 Meter hohen Gesichter erschienen auf Fotos und Postkarten der Touristen in der ganzen Welt.

Die Mauerteile am Griebnitzsee strahlen mit ihren farbenfrohen Motiven Optimismus und Freude aus. Seine Kunst ist „ein Mahnmal für die Vergangenheit und ein Symbol für die Freiheit“, wie er bei der Einweihung 2013 selbst sagte.

Ikonografie und Tradition erschaffen etwas, das größer ist

Am 06.06.2019 wurde im Rahmen der Vernissage die Installation “Post-vs.-Proto-Renaissance” von Oksana Mas eingeweiht.

Die Künstlerin wurde 1969 in der Ukraine geboren und besuchte bis 1992 die staatliche Kunstschule Grekov. In den 1990er Jahren war sie an der Wiederbelebung der Malerei beteiligt und untersuchte später die relationale Kunst und wissenschaftliche Kunstpraktiken. 2003 erwarb sie den Bachelor of Philosophy an der Odessa State University und promovierte zu dem Thema “Kunstprobleme in den sozialen Medien”.

Zu den Höhepunkten ihres Schaffens gehört das Projekt “Post-vs.-Proto-Renaissance” (ein Prototyp der Installation “ArtTogether”), das 2011 auf der 54. Biennale in Venedig vorgestellt wurde und zu einem der meistbesuchten Objekte der Biennale wurde.

Bemalte Holzeier

Holzeier wurden von den unterschiedlichsten Menschen bemalt

Das Kunstwerk am Griebnitzsee besteht aus drei jeweils sechs mal sechs Meter großen Holztafeln, die im Dreieck aufgestellt ein Prisma bilden. Diese Tafeln sind aber nur die Unterkonstruktion für das eigentliche Kunstwerk, das aus ca. 340.000 bunt bemalten und lackierten Holzeiern besteht.

Die Motive für die Installation stammen von den Malern Hubert & Jan van Eyck aus dem Jahre 1432. Die Eier bilden eine wahre Architektur, deren Struktur an ein Mosaik erinnert, in dem die ikonografischen Tattoos der Eier die einzelnen Elemente bilden. Antike und moderne Kunst verschmelzen zu einem Bild, das Geschichten von Sünden und Träumen der Erlösung, Hoffnung in die Zukunft und Sehnsucht nach Reinheit umfasst.

Die Künstlerin geht von der ukrainischen krashenki Volksmärle aus: Holzeier, die mit traditionellen ukrainischen Dekorationen bedeckt sind und Ostern feiern. Für Oksana Mas ist das Ei das uralte Symbol für das Leben. Durch die Bemalung erhalten die Eier zusätzlich noch persönliche Botschaften. Um diese großartige Installation zu realisieren, ließ die Künstlerin Tausende von Menschen die Eier bemalen: Häftlinge, Intellektuelle und Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen aus 42 verschiedenen Ländern. „Die Menschen sollten ihre Wünsche, Träume, aber auch Ängste, Sorgen und Sünden, was sie belastet, aufmalen. Dadurch wird es zum Träger eines geheimen Codes.“ sagt die Künstlerin. Anschließend montierte Oksana Mas die bemalten Eier in ihrem Atelier, um das Gent-Altarbild in weit größerem Maßstab zu rekonstruieren.

Ein anderer Blick aus der Entfernung

Es ist beeindruckend, wenn man zuerst die einzelnen Eier mit ihren unterschiedlichsten Motiven betrachtet und beim schrittweisen Entfernen völlig neue Bilder entstehen und schlussendlich die monumentalen Bildausschnitte erkennbar sind.

Oksana Mas

Die Künstlerin Oksana Mas

„Für den besten Blick schwimmt man raus auf den See und überwindet die alte Grenze“, schlägt Oksana Mas vor, die ich persönlich kennenlernen durfte. Mich hat diese Künstlerin emotional tief berührt und in das Universum ihres Schaffens mitgenommen. Und schließlich habe ich darüber nachgedacht, wie ich meinen Gefühlen, Ängsten und Wünschen Ausdruck verliehen, was ich gemalt hätte. Sicherlich wären angesichts der aktuellen politischen Lage auch eine Friedenstaube und ein Olivenzweig dabei gewesen. Ich bin froh, dass wir jetzt Kunst bestaunen können, wo vor 30 Jahren für mich die Welt zu Ende war. Ihnen wünsche ich viel Spaß beim Schauen und Entdecken.

Während Oksanas Prisma bis Anfang Oktober 2019 am Griebnitzsee zu bewundern ist, bleiben die Mauerfragmente dauerhaft an diesem Standort.

Initiator der Kunstprojekte: S&P Sahlmann Ingenieure und Architekten.