© Foto von Michael F. Nathansky

Michaels Lieblingsort | Balkonien

Veröffentlicht am 25. April 2017 | Claudia Kumke

Als ich damals zum Studium nach Berlin gezogen bin, sagten mir alle in meinem Kölner Freundeskreis, wie aufregend Berlin ja sei, und, dass es ja nur so vor Geschichten und spannenden Persönlichkeiten strotze.

Und so war es tatsächlich auch. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass die Stadt sich stets dessen bewusst ist. Als wisse jeder Kioskbesitzer, dass er ein potentieller Filmprotagonist sei. Natürlich stimmt das nicht, ich schätze, es spricht eher für den großen Respekt, den ich vor Berlin und dem Filmregiestudium hatte.

Ich spazierte in den ersten Monaten viel durch Berlin, nicht unbedingt um ein Thema zu finden, aber doch mit der Offenheit mich von einem Thema finden zu lassen. Und natürlich gab es vieles, aber nichts davon fesselte mich wirklich. Mit anderen Worten, ich hatte immer das Gefühl, dass so viele andere Filmemacher auf der Straße unterwegs waren, dass ich mir nie wie ein Entdecker oder sonstiges vorkommen konnte.

Ich bin mir nicht sicher, ob das Wort Entdecker das richtige Wort ist, schließlich klingt es so, als gäbe es da eine exotische Welt auf der anderen Seite. In Wirklichkeit habe ich mich, wenn es zu so einer Entdeckung kam, in der Regel eher gefühlt, als sei da etwas in mir entdeckt worden.

So war es zum Beispiel bei der Feldküche in Potsdam Babelsberg. Nach monatelangen Spaziergängen durch Berlin, ging ich nur ein paar Schritte durch Babelsberg und da fand ich auf einmal etwas, was mich faszinierte. Die Betreiber und Gäste der Potsdamer Feldküche. Über diesen Ort lernte ich Potsdam kennen, jedenfalls den männlichen Teil. Lastwagenfahrer, Filmparkschauspieler, Arbeitslose, Filmuniprofessoren und Zimmermänner. Sie alle trafen und treffen sich dort um für eine halbe Stunde ihre Arbeit zu vergessen und ein Eisbein oder eine Erbsensuppe zu essen. Schließlich drehte ich meinen Erstjahresfilm dort.

Beim Zweitjahresfilm war mir klar, dass ich wieder in Potsdam drehen wollte. Für den Film brauchten wir um die 50 Portraitfotos für eine Fotowand eines Castingagenten. Wir hatten wenig Zeit, im Grunde nur einen Tag, doch hatten großes Glück, dass gerade das Sehsüchte Festival stattfand. Wir fragten alle Besucher, und es waren die Potsdamer, die sich am meisten Zeit für unsere Fotos nahmen. Letztendlich fanden wir sogar einen Nebendarsteller für den Film.

Dieses Spontanfotoshooting ist eine der schönsten Erinnerungen an meine Bachelorzeit, da ich die Filmuniversität sehr verbunden mit ihrer Umgebung wahrnahm. Auf einmal waren wir nicht mehr nur dieser komische Glaskasten, der wie ein Fremdkörper in „deren“ Nachbarschaft steht, sondern eine kleine Begegnungstätte.

Auch meinen BA Abschlussfilm haben wir hauptsächlich in Potsdam gedreht. Im Stern, in der Gaußstraße „lebten“ wir dann auch eine Weile und lernten viele Nachbarn kennen. Der Balkon der Wohnung ist mein Lieblingsort in Potsdam. Die Wohnung ist Teil eines mittelgroßen Plattenbaus, die an einen Wald grenzt, der wiederum an eine Autobahn grenzt. Diese Mischung aus Idylle und Straßenlärm fand ich anfangs vor allem filmisch spannend, aber mit der Zeit dann auch unabhängig davon.

Nach drei Jahren und vielen Gesprächen mit Potsdamern ist mir natürlich auch aufgefallen, dass auch diese Stadt nur so vor Geschichten und originellen Charakteren strotzt. Doch irgendwie tut sie das mit einer gewissen Alltäglichkeit, oder vielleicht auch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit. Diese Mischung ist auch der Grund, wieso ich auch meinen nächsten Film wieder in Potsdam drehen möchte, denn schließlich sind das Eigenschaften, die ich mir auch für meine Filme wünsche.