© raven-child-potsdam-franzoesische-kirche

Tanztheater “RAVEN.child” – Über den Mut, in die eigene Fremde zu gehen

Veröffentlicht am 1. September 2018 | Nadine Redlich

In der Französischen Kirche am Bassinplatz in Potsdam ist ganz schön was los im September: Drama, Tanz, live gespielte neoklassische Musik mit Cello, Orgel und Klavier, mit Schauspiel und Gesang. Uta Hertneck inszeniert ihr neues Tanztheaterstück „RAVEN.child.“ mit einer neuen Komposition von Olga Rianzaceva. In dem Stück geht es um eine Mutter und eine Tochter, die sich fremd werden, sich sogar selbst fremd werden, Abschied voneinander nehmen und sich auf Suche nach sich selbst und ihrer neuen Identität machen.
Informationen zur Buchung und die Spielzeiten gibt es hier.

 

Wieso „RAVEN.child.“ Und dann auch noch so kompliziert geschrieben. Wieso nicht einfach „Rabenkind“?

 

Komponistin Olga Rianzaceva, Foto: MarkusHoffmann

Komponistin Olga Rianzaceva, Foto: MarkusHoffmann

„Rabenkind“ klingt, wie auch „Rabenmutter“, einfach nur negativ. „RAVEN.child.“ hat vom Klang her was Fremdes und vom Schriftbild her was Neues. Es funktioniert genau deswegen besser als Titel: Es geht in dem Stück um den Schrecken, den jede*r erleben kann, wenn einem das Vertraute i

n einem anderen Menschen plötzlich fremd wird. Es geht aber auch um das Befreiende, das entsteht, wenn dieses Fremde als eigene Fremde erkannt und angenommen werden kann.

In dem Stück geht es um eine Mutter-Kind-Beziehung. Authentische und dokumentarische Performances sind die Mode, manchmal stehen schon die eigenen Eltern der Künstler auf der Bühne…

Keine Sorge! In RAVEN.child sind zwar eine Mutterfigur (Annekatrin Kiesel) und eine Tochterfigur (Franca Burandt) auf der Bühne zu sehen und sogar eine ältere, scheinbar alles wissende Frauen-Figur (Katrin Schönermark), doch diese drei sind weder verwandt noch verschwägert, sie sind sozusagen „echte Figuren“, die jede für sich von der Loslösung aus einem Rollenmuster erzählen.

Wieso in einer Kirche?

Portät Uta Hertneck, Foto: Christian Morgenstern

Portät Uta Hertneck, Foto: Christian Morgenstern

Ich mag die Französische Kirche mit der riesigen Kuppel von Knobelsdorff, der Kanzelwand von Schinkel und dem Oval als feste Grundform. Vor allem aber finde ich die Gemeinde spannend, die hier sonntags ihre Gottesdienste nach einer französischen Liturgie feiert. Ihre Ursprünge gehen auf die Hugenotten zurück. Was für eine wunderbare Tradition mitten in Potsdam! Die Nachkommen und Nachfolger der Hugenotten sind in der Fremde heimisch geworden und lösen die ganzen Diskussionen über das Eigene, das Fremde und die „wahre“ Identität auf eine andere, wie ich finde: bessere Weise. Zudem passt ihre Geschichte wunderbar zu dem Thema unserer Hauptfiguren, die erst in die Fremde gehen müssen, um bei sich selbst und anderen anzukommen.

Raben sitzen auf dem Rücken von Hexen oder auf der Schulter von Odin. Spielen sie bei Ihnen auch so eine düstere Rolle?

Nicht ganz. Zwar geht es in meinem Stück auch um die Angst, wenn Rollenmuster aufbrechen, in denen wir gefangen sind, und dann plötzlich nichts mehr geht und alles schwarz wird. Doch bei allen Ängsten: Da ist immer auch eine leise Lust auf etwas Neues im Raum. Vielleicht ist es die Hoffnung. Jedenfalls ermöglicht diese Kraft neue Begegnungen und eine andere Nähe. Anders formuliert: Es macht erst Angst, ein Rabe zu sein, anders zu sein, besonders zu sein, und dann ist es auch wieder wunderschön, ein Rabe zu sein, Raben können fliegen!